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Genordetes Luftbild der Holsterburg von 2016 (LWL-Archäologie für Westfalen/R. Klostermann).

Die Holsterburg bei Warburg

Die Holsterburg gehört zu den wenigen und den frühsten achteckigen Burganlagen des hochmittelalterlichen Europas. In Westfalen ist sie einzigartig und als Statussymbol anzusprechen. Sie liegt im südlichen Stadtgebiet der Hansestadt Warburg, in direkter Nähe einer Furt über die Diemel, durch die ein historischer Fernhandelsweg verlief, der die Städte Warburg und Kassel miteinander verband. Somit konnte diese wichtige Straßenverbindung durch die Anlage kontrolliert werden.

Die Burg war Stammsitz der Edelherren von Holthusen. Sie wurde im Jahre 1294 vollständig zerstört, nachdem Konflikte zwischen den Besitzern und der Stadt Warburg eskalierten. Damit in Zusammenhang steht wohl auch die Zerstörung der unmittelbar nördlich der Burg gelegenen Siedlung Holthusen. Zuvor wurde die Befestigungsanlage jedoch bereits mehrfach beschädigt, was durch Brandhorizonte und ausgebesserte Schäden an den Außenmauern erkennbar ist.

Trotz der nahezu vollständigen Zerstörung der Bauten gerieten diese nie wirklich in Vergessenheit, sie wurden sogar noch bis in die frühe Neuzeit in Karten vermerkt. Daher ist verwunderlich, dass die ersten archäologischen Untersuchungen des Gebietes erst 2010 erfolgten. Die Maßnahmen dauerten insgesamt bis 2017 an und ließen die Holsterburg zu einem Kernpunkt der historischen Burgenforschung Westfalens werden.

Aufgrund ihrer Bedeutung ist die Anlage Teil der "archäologischen Zeitmaschine" der Altertumskommission. Ein VR-Film erzählt ihre Geschichte und entführt die Zuschauer:innen in die letzten Stunden der Burg.

Die Holsterburg vor Grabungsbeginn (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/H.-W. Peine).

Rekonstruktionsvorschlag der Holsterburg (Grafik: ReunionMedia, Emden).

Zwei Spielsteine von der Holsterburg (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/S. Brentführer).
Oktogonsegment (2-3) der Holsterburg (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Thede).

Nähere Informationen zur Anlage

Aufbau & Befunde

Die Außenmauer der achteckigen Burganlage umfasste insgesamt drei innenliegende Gebäude, mehrere Innenhöfe und einen Bergfried.

Die Innenschale der zweischaligen Außenmauer wird aus lagenhaft gesetztem Mauerwerk gebildet. Die Außenschale ist als Schaufassade ausgeführt und besteht aus sorgfältig bearbeiteten und sehr regelmäßig gesetzten Steinquadern. Die Ecken werden durch besonders große und fein geglättete Werksteine gebildet, die Fugen zeichnen sich durch einen glatten Fugenstrich und einen stark kalkhaltigen Mörtel aus. An einigen Stellen sind Spuren von Ausbesserungsarbeiten an der Außenmauer erkennbar. Der Mauerkern ist sehr massiv gebaut, was die qualitätvolle Ausführung des Mauerbaus unterstreicht. Als Besonderheiten sind ein in die Mauer eingebauter Brunnen und ein integriertes Heizsystem für die Innenräume anzusprechen.

Die innenliegenden Gebäude lehnen sich an die Umfassungsmauer an. Sie haben allesamt einen unregelmäßigen Grundriss und zeichnen sich teilweise durch mehrere Bauphasen aus. Gemeinsam sind ihnen die zweigeschossige Ausführung und die integrierten Lichtnischen. Der Zugang zu den Bauwerken erfolgte zumeist über die Innenhöfe. Vom Bergfried ist lediglich die Ausbruchgrube erhalten, die bei dessen Schleifung nach Zerstörung der Burganlage übrig blieb.

Der Nachweis eines Tores gelang archäologisch nicht.

Baustrukturen und Hofflächen im Innenbereich der Holsterburg (Plan: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Thede).

Funde

Die Ausgrabung auf der Holsterburg zeichnet sich durch ein sehr umfangreiches Fundspektrum aus.

Bei den keramischen Funden handelt es sich zumeist um lokal produzierte Waren. Durch zahlreiche Fragmente von Keramik Pingsdorfer Machart konnte zusätzlich ein Warenbezug aus dem Rheinland nachgewiesen werden. Über den Status der ehemaligen Bewohner geben Bruchstücke von glasierten Ofenkacheln Auskunft, die sich eventuell dem Typus Tannenberg zuordnen lassen könnten.

Neben den Keramikfunden lassen sich auch zahlreiche Objekte und Halbfabrikate aus Knochen anführen, die Rückschlüsse darauf zulassen, dass die Burgbewohner selbst handwerkliche Tätigkeiten ausführten. Zusätzlich zu Gebrauchsgegenständen ließen sich auch einige verzierte Spielsteine nachweisen.

Das Fundspektrum der Metallgegenstände ist ebenfalls sehr vielzählig. Neben Werkzeugen und Geräten konnten bei den Ausgrabungen auch zahlreiche Waffen aufgefunden werden, die vornehmlich aus Brandhorizonten stammen und daher Rückschlüsse auf bewaffnete Konflikte im Zusammenhang mit der Anlage zulassen. Neben Gebrauchsgegenständen und Waffen sind auch teilweise versilberte und vergoldete Statusobjekte für die Holsterburg nachgewiesen.

Als Fundhighlight kann ein einteiliger Doppelkamm aus Elefantenelfenbein angesprochen werden, der zur Gruppe der „liturgischen“ Kämme gehört und zwischen 800 und 1200 datiert. Von diesen Kämmen sind bislang nur etwa 60 Stück bekannt, vornehmlich aus kirchlichen Kontexten.

Doppelkamm aus Elefantenelfenbein (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/S. Brentführer).

Datierung

Der älteste historische Beleg für die Existenz einer Burg in Holthusen stammt aus einem Güterverzeichnis der Erwerbungen Philipps von Heinsberg während seiner Amtszeit als Kölner Erzbischof. In der Paderborner Fassung des Güterverzeichnisses findet sich der Eintrag „Herman Bircule et Bernart frater suus ecclesie Coloniensi dederunt domum suam Holthusen cum omnibus attinentiis pro C marcis”. Daher scheint die Erwerbung Holthusens zwischen 1180 und dem Tod des Erzbischofs 1191 plausibel.

War für die Erbauung der Burg zunächst nur eine Zuweisung über historische Quellen in die Zeit vor 1191 möglich, lieferte die Datierung der geborgenen Keramik einen Entstehungszeitraum der Burg um 1160/1170. Diese wird durch eine in der letzten Grabungskampagne geborgene Münze und einem dendrochronologisch datierten Holzbalken näher untermauert.

Zeichnung der Burg von Eguisheim im Elsass von Philippe Grandidier, 18. Jahrhundert (nach Bulla/Peine 2012, Abb.8).

Literatur

H.-W. Peine/ K. Wegener, Die Holsterburg bei Warburg, Kreis Höxter. Frühe Burgen in Westfalen 43 (Münster 2020).

Weiterführende Literaturauswahl:

G. Braun, Archäologie mit Zirkel und Lineal – Zur Planungsgeometrie der Holsterburg bei Warburg in Westfalen. Ein Beitrag über die Anwendung perfekter Zahlen und regelmäßiger Polygone an Burgen und Kirchen des Mittelalters. Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt 24, 2015, 39-92.

M. Lagers/B. Sikorski / H.-W. Peine, Holthusen – lokales Zentrum adliger Grundherrschaft im Diemelraum. AiWL 2014, 2015, 107-112.

H.-W. Peine/K. Wegener, Das Forschungsprojekt Holsterbug – von der Grabung in die Ausstellung. AiWL 2016, 2017, 227-230.

H.-W. Peine/K. Wegener, Von filigran bis katastrophal – Elfenbeinkamm, Spielstein und Schadereignisse. AiWL 2017, 2018, 111-115.

O. Wagener/H.-W. Peine, Burgen im Diemeltal – die Grenze der Sichtbarkeit oder die Sichtbarkeit der Grenze. hessenArchäologie 2016, 2017, 172-174.